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GREGOR BRAND : LIBER PHILOSOPHICUS
Sunday, 15 April 2007
Schriftsteller und Federn
Oft schon habe ich gelesen, dass der Tod diesem oder jenem Schriftsteller die Feder aus der Hand gerissen hat. Dabei will ich aber nicht vergessen, und schon gar nicht in einem Fruhlingsmonat, dass der Tod weit mehr Vogeln als Schriftstellern Federn entrissen hat.
Ein tuberkuloser Schriftsteller
Thomas Bernhard, tuberkuloser Autor wie Kafka und viele andere, lebte zu spat, als dass er von dem 1940 verstorbenen Psychologen Erich Jaensch noch bei dessen Betrachtungen uber die Wirkung von Tuberkulose auf Psyche und Intelligenz hatte berucksichtigt werden konnen. Dabei ware Bernhard ein wirklich interessantes Beispiel fur die Thesen von Jaensch gewesen.
Saturday, 31 March 2007
Der freie Mensch
Um den Menschen als im Grunde frei anzusehen, reicht es, dass eine von tausend seiner Handlungen frei ist. Die Frage von Freiheit oder Unfreiheit wird nicht nach quantitativem Ubergewicht entschieden.
Eine judische Leistung
Es ist eine starke Leistung der Juden, dass sie im unuberschaubaren Ozean der von Juden verfassten literarischen und wissenschaftlichen Werke noch nicht untergegangen sind. Statt "der Juden" konnte man auch sagen: der Deutschen, Schotten, Franzosen, ...
Wednesday, 21 March 2007
Zerebraler Goethe
Wo ich simplizistisch sage: "Ich habe Kopfschmerzen" - da hatte Goethe wahrscheinlich notiert: "Mein Cerebralsystem fuhrt gerade keine Freudentanze auf".
Pico della Mirandola
Hatte jemals ein Philosoph einen bescheideneren Vornamen? Und einen appetitlicheren Nachnamen?
Einsamkeit
Selbst jeder Plural steht letztlich allein da.
Furchterlich
Ich furchte nicht den Tod, aber ich furchte, dass der Tod auch mich nicht furchtet.
Fehlende Erholung
Niemand kommt dadurch zur Ruhe, dass er pausenlos untatig ist.
Naturrecht
Die Natur hat kein Recht, rechtlos zu sein.
Friday, 16 March 2007
Ludwig Tieck: Vergessenes Genie oder vergessener Buchstabe
Vor rund 10 Jahren, also in einem fernen Jahrhundert und Jahrtausend, veroffentlichte Wolfgang Rath seine uberaus informative, gedankenreiche und lesenswerte Tieck-Biographie. Ob der Berliner Ludwig Tieck, uber den es doch viel Sekundarliteratur gibt und der unzweifelhaft zu den gro?en Namen der deutschen Literatur gehort, wirklich zu den "vergessenen" Genies gehort, erscheint mir allerdings zweifelhaft. Weniger zweifelhaft dagegen ist, dass man auf S. 35 dieser Biographie bei der Erwahnung des beruhmten delphischen Spruchs als "Gothi sauton ..." hinter dem G (bzw. Gamma) einen wichtigen Buchstaben vergessen hat: ein "n", also jenen Buchstaben, der zwar der negativste des Alphabets ist, aber gerade dadurch auch einer der beachtenswertesten.
Kranke Seelen
Wenn eine Seeele krank ist, dann ist sie immer krank gemacht worden. Als Urheber des Leidens kommen drei Hauptverdachtige schnell in den Blick: Gott, die Natur, Menschen. Es kann naturlich auch sein, dass diese drei eine einzige dreifaltige Ursache fur das Elend kranker Seelen sind.
Wednesday, 14 March 2007
Gedanken, Papier
Wenn sich Gedanken naher kennenlernen wollen, dann treffen sie sich meistens weder in Parks noch Restaurants, sondern auf Papier. Und selbst unanstandige Dinge wollen sie nirgendwo lieber als auf Papier miteinander treiben.
Der IQ Gottes
Wie klug, weise, wissend - intelligent - ist Gott? Geht man von der klassischen Definition William Sterns, des Schopfers des IQ-Begriffs, aus, der Intelligenz als das Verhaltnis von Intelligenzalter zu Lebensalter verstand, dann musste das Intelligenzalter Gottes - wenn man ihn, wie es sich gehort, als gigaintelligent betrachtet - sein Lebensalter weit ubertreffen. Gab es, vor Gott, schon Intelligenz?
Tuesday, 6 March 2007
Timons Intelligenz
Timon von Athen, der beruhmte Menschenfeind, war vermutlich ein Mensch, der an Intelligenz die allermeisten seiner Zeitgenossen deutlich uberragte. Aber selbst wenn er ein Genie gewesen ware: Es ist kein Zeichen von Weisheit, die Menschen zu hassen. Noch weniger ist es allerdings ein Zeichen von Weisheit, die Menschen generell zu lieben.
Monday, 5 March 2007
Ruhland, Kapitalismus und Christentum
Schon der heute weitgehend vergessene Nationalokonom Gustav Ruhland hatte darauf hingewiesen, dass der Kapitalismus keine christliche Erfindung ist und dass das Christentum sowohl mit diesem Kapitalismus als auch ohne ihn existieren kann. Ruhland betonte, dass es Kapitalismus immer wieder geben wird, aber auch, dass kapitalistische Gesellschaften immer wieder aufgrund ihrer inharenten Fehler untergehen werden - um dann in anderer Form wieder aufzuerstehen.
Sunday, 4 March 2007
Gott als coincidentia oppositorum
Wenn, wie Heraklit schrieb, Gott Tag ist und zugleich Nacht, Sommer und Winter, Krieg und Frieden ... - dann ist er auch - horribile, sed vere dictu - Adolf Hitler und Leo Baeck. Gott als Zusammenfall aller Gegensatze, wie mein mosellandischer Landsmann Cusanus, nicht unbeeinflusst von judischem Denken, dachte, ist demnach auch die Koinzidenz von KZ und Synagoge. Was hat man von einer solchen Erkenntnis gewonnen? Wenn in Gott alle Katzen, ob bei Tag oder Nacht, grau sind, dann ahnt man, dass von einer solchen Gottesvorstellung fur die Erkenntnis der realen Welt nicht wirklich etwas zu gewinnen und zu erwarten ist.
Saturday, 3 March 2007
Bilderverbote
Kein Prophet und kein Theologe hat sich jemals fur Bilderverbote ausgesprochen, der Bilder nur als schon und begluckend erlebt hat. Bilderverbote sind immer auch ein Ausdruck von Hedonismus.
Gott oder Bier
Gott oder Bier - es ist doch klar, was Deutsche eher aufgeben wurden beziehungsweise, was sie schon eher aufgegeben haben.
Affektbucher
Ich wei? im Moment zwei Bucher, die in ihrem ersten Satz das Wort "Affekt" enthalten: Carl Schmitts 1923 erstmals veroffentlichtes Werk uber "Romischer Katholizismus und politische Form" und Ernst Cassirers 1942 erstmals publizierte Studien "Zur Logik der Kulturwissenschaften". Schmitt machte die zutreffende, aber im Grunde banale Feststellung: "Es gibt einen anti-romischen Affekt." Das hinterhaltig-brillante an diesem Eroffnungssatz ist naturlich die unmittelbar damit einhergehende Diskreditierung jeder Kritik an der katholischen Kirche als antirational und blo? emotional. Schmitt suggeriert damit, dass derjenige, der die romische Kirche kritisiert, affektgeleitet - also gefuhlsbetont - handelt - und damit intellektuell nicht oder zumindest weniger ernstzunehmen ist. Wenn der hochkultivierte und vielwissende Cassirer demgegenuber, moglicherweise im geheimen Hinblick auf den damals intellktuell hoch gegenwartigen Carl Schmitt, feststellt: "Platon hat gesagt, da? das Staunen der eigentlich philosophische Affekt sei, und da? wir in ihm die Wurzel alles Philosophierens zu sehen haben", so kommt in diesem Satz eine vollig kontrare Auffassung des Affekts zum Ausdruck - namlich eine sehr positive: Wenn ein Philosoph wie Platon einen Affekt als Wurzel des Philosophierens ansieht, so kann Affekt wahrlich nicht immer etwas Schlechtes sein. Verbindet man die Gedankengange von Schmitt und Cassirer, so konnte man dazu kommen, den antiromischen - also antikatholischen - Affekt als etwas Positives anzusehen: Wer sich uber den Erfolg des katholischen Rom wundert, hat zumindest angefangen, zu philosophieren.
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