3 Sep, 07 > 9 Sep, 07
20 Aug, 07 > 26 Aug, 07
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19 Feb, 07 > 25 Feb, 07
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11 Sep, 06 > 17 Sep, 06
28 Aug, 06 > 3 Sep, 06
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GREGOR BRAND : LIBER PHILOSOPHICUS
Monday, 5 September 2005
Eine autogene Wahrheit
Der Nervenarzt Johannes Heinrich Schultz, Vater des autogenen Trainings, erkannte schon vor vielen Jahrzehnten: "Die Erbforschung mu? an sich immer auf den ganzen Menschen abgestellt sein, denn es ist sicherer wissenschaftlicher Besitz ihrer Erfahrung, da? nicht nur au?erliche sichtbare korperliche Merkmale, sondern auch die seelische Personlichkeit diesen Gesetzma?igkeiten grundsatzlich unterliegt." ("Die seelische Gesunderhaltung unter besonderer Berucksichtigung der Kriegsverhaltnisse". 1942) Gleichgultig, wie man zum autogenen Training, zu Schultz oder seiner Zeit steht: Er hat eine zentral richtige und im Zeichen neuerer und neuester genetischer Studien hochaktuelle Erkenntnis ausgesprochen, ohne die man im Bildungswesen zu keinen wirklichen Fortschritten kommt, sondern nur im Dunkeln wandern kann. Wer die starke genetische Komponente des Seelischen im Allgemeinen und der Intelligenz im Besonderen nicht zur Kenntnis nimmt, der muss schwere bildungspolitische Fehler machen, die sich dann auch okonomisch und zivilisatorisch - und damit auch politisch - verhangnisvoll auswirken und auswirken werden.
Sunday, 4 September 2005
Haus Europa
Der Begriff vom "Haus Europa" ist in den vergangenen Jahren wieder etwas in den Hintergrund getreten, nachdem er seit Mitte der Achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts zeitweise sehr oft verwendet wurde. Diese starke Verbreitung lag wohl zum erheblichen Teil auch an Gorbatschow, in dessen Rhetorik der Terminus eine wichtige Rolle spielte. E. Crome hat darauf hingewiesen, dass Gorbatschow mit diesem Begriff auf eine gewisse sowjetische Tradition zuruckgreifen konnte, weil auch Leonid Breschnew den Begriff Anfang der 1980er Jahre, also am Ende seiner Jahre, schon einmal verwendet hatte. Angeblich ging dabei die Verwendung des Begriffs durch Breschnew auf den au?enpolitischen Experten des ZK der KPdSU, Wadim Sagladin, zuruck. Was jedoch weder Crome noch einer der vielen Politiker, die die Idee des gemeinsamen Hauses Europa zustimmend im Munde fuhrten und fuhren, erwahnten - vermutlich, weil sie es nicht wissen - ist, dass der Ausdruck als politischer Begriff vermutlich auf Adolf Hitler zuruckgeht. Jedenfalls hatte Hitler in seiner Reichstagsrede vom 7. Marz 1936 von Europa als einem "Haus" gesprochen, in dem die europaischen Nationen als "Familie" wohnen. Nach Auffassung des Staatsrechters und politischen Philosophen Carl Schmitt, der zu jener Zeit noch als einer ma?geblichen Interpreten des NS-Staates galt, handelte "es sich hier nicht um irgendeine der auch fruher vorkommenden Redewendungen von der 'famille des nations', sondern um die bewu?te Fundierung einer neuen europaischen Ordnung auf den Geist der Gemeinschaft und Verwandtschaft der europaischen Volker." (Carl Schmitt: Die siebente Wandlung des Genfer Volkerbundes (1936). In: Carl Schmitt: Positionen und Begriffe im Kampf mit Weimar - Genf - Versailles 1923 - 1939, 1940). Wenn man dies wei?, dann bleibt es nicht aus, dass man beim zeitgenossischen und zukunftigen Reden vom "Haus Europa" auch immer an Hitler - denken muss und denken sollte.
Friday, 2 September 2005
Notiz zum deutschen Geburtendefizit
Wer nicht die Chromosomen der Zukunft hat, wird auch nicht die Kultur und die Zivilisation der Zukunft haben.
Beruhmtheit und Nichtberuhmtheit
Gottfried Benn, der selbst zu den beruhmtesten deutschen Dichtern des 20. Jahrhunderts gehort - obwohl ihn vermutlich nicht mehr als 5 Prozent der Deutschen "kennen", schrieb uber den bekanntesten deutschen Dichter des Mittelalters: " Oder Walther von der Vogelweide: der war nicht nur vergessen, sondern vollig und absolut unbekannt, sein Name lag uberhaupt gar nicht vor, bis Uhland 1822 die beruhmte Biographie uber ihn schrieb, und nun wurde er mit einem Schlag der gro?te Lyriker des Mittelalters." Wenn Walther so unbekannt war, wie kam dann Uhland dazu, eine Biographie uber ihn zu schreiben? Man sollte niemanden, der in Lexika erwahnt ist und zumindest einigen Gebildeten bekannt ist, "unbekannt" nennen. Wenn es um Hochkultur geht, konnte es fur die Frage der "Bekanntheit" noch nie auf das Wissen der Bevolkerungsmehrheit ankommen; dies gilt heute mehr denn je. Davon abgesehen, kann man gerade im Medienzeitalter gar nicht oft genug auf den Unterschied von Beruhmtheit und Beachtlichkeit hinweisen.
Monday, 29 August 2005
Glauben und Wissen
Gott ist unbegreiflich, aber noch unbegreiflicher erscheint mir, mit welcher oft dreisten Selbstverstandlichkeit sich die Gottesleugner auf die Seite der Wissenden im Gegensatz zu den angeblich nur Glaubenden stellen. Ist nicht das weitaus Meiste, was Atheisten zu wissen glauben, nichts als Glauben? Alles, was in der Menschheitsgeschichte passiert ist, konnen wir nur Historikern, Archaologen etc. GLAUBEN - da wir weder bei Waterloo noch bei Crecy noch bei Tours und Poitiers dabei waren. Und was die wissenschaftlichen Erkenntnisse ergeht: Ich habe noch keinen einzigen Neandertaler erblickt, keinen Homo erectus beobachtet, kein Y-Chromosom gesehen, keinen Quasar, keine Milchstra?e (nur in schonen klaren Nachten viele helle Punkte am Himmel). Gibt es die Pest wirklich? Mir ist noch kein Pestkranker begegnet. Hat Mozart gelebt? Ich habe noch nie jemanden solchen Namens getroffen. Ich muss und kann in all diesen - und in MILLIONEN anderen – Fallen nur: GLAUBEN. Vielen musste dies eigentlich klar sein: Dass man aus eigenem Erleben (dessen Realitat naturlich auch anzweifelbar ist, aber davon mal abgesehen ... ) nur sehr, sehr wenig wei?, dass man in fast allem darauf angewiesen ist, zu GLAUBEN (Sind unsere Eltern wirklich unsere Eltern? Wer von uns hat schon einen Gentest machen lassen?). Es ist eine recht kleine, aber zumindest im „Westen“ einflussreiche Minderheit unter den Menschen, die ist sich sicher, ihr Leben auf Wissen statt auf Glauben aufzubauen. Dabei scheinen diese „Wissenden“ noch nicht einmal zu wissen, dass sie lediglich glauben, viel zu wissen. Dass viele Europaer im Allgemeinen und deutsche Abiturienten/Studierende im Besonderen nicht mehr an Gott glauben, beunruhigt mich wenig. Mehr Sorgen macht mir da schon der Gedanke, dass Gott aufgehort haben konnte, an diese Menschen zu glauben.
Ahistorische Historie
Es ist immer leicht zu behaupten, etwas Vergangenes sei nur dort moglich gewesen, wo es tatsachlich stattfand. Wenn jemand darauf erwidert, so etwas sei auch anderswo moglich gewesen, dann wird man immer darauf verweisen konnen, dass im zweiten Fall die Lage zumindest teilweise anders war. Jedes historische Geschehen ist selbstverstandlich exakt so, wie es tatsachlich stattfand, auf keine andere Situation deckungsgleich zu ubertragen, weil es das tatsachliche Geschehen eben nur einmal in dieser konkreten Form gab. Jede Geschichte ist gleichzeitig besonders und unbesonders. Die deutsche Geschichte, einschlie?lich ihrer nationalsozialistischen Phase, hat genau so, wie sie stattfand, in der Tat nur in Deutschland stattgefunden. Aber: Diktatur, politischen Terror, aberwitzige Weltanschauungen oder Religionen sowie die gezielte Liquidation von Einzelnen und Kollektiven hat es in vielen Staaten gegeben und kann es potenziell in jedem Land geben. Eine faschistische Diktatur hatte sich nicht nur in Deutschland etabliert, eine kommunistische auch nicht. Massenmorde gro?ten Umfangs fanden im maoistischen Cghina ebenso wie in der leninistisch-stalinistischen Sowjetunion statt – hier z. B. an den Kulaken oder in den Drei?iger Jahren an den Ukrainern, auch an Wolgadeutschen, Tschetschenen und anderen Volkerschaften. Im kommunistischen Nachkriegsrumanien sind eine Millionen Menschen ermordet worden, in anderen kommunistischen Staaten nicht weniger. Was speziell den Westen angeht (Wo fangt und wo fing der in Europa eigentlich an?): Das demokratische, wenn auch monarchische, Belgien hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter seinem Konig Leopold - wie gerade in den letzten Jahren ans Bewusstsein der interessierten Offentlichkeit gekommen ist - im Kongo bis zum Ende seiner Kolonialzeit mindestens zehn Millionen Menschen auf dem Gewissen. Und das demokratische England? Hat es sein Empire, das einmal ein Viertel der Erde umfasste, mittels Pazifismus und auf der Basis friedlicher Volksabstimmungen aufgebaut? Wie uberglucklich waren die Hunderte von Millionen Indern, als sie Teil des ach so demokratischen britischen Empire werden konnten? Wie glucklich die ausgehungerten Iren? Und die englische breite Bevolkerung - hatte sie etwa politisch gro?ere Macht als die deutschen "Untertanen" nach 1848? Mehr als zwei Millionen Algerier sind lange nach dem 2. Weltkrieg vom ruhmvoll demokratischen Frankreich mit seiner superschonen revolutionaren Tradition umgebracht worden ... Und in den Jahrzehnten vorher von der gleichen Nation der Aufklarer wie viele "Indochinesen"? Haben die Niederlande ihr Kolonialreich in Indonesien mit dem Verschenken von Gouda und Tulpen aufgebaut? Ich hoffe, niemand kommt auf die absurde Idee, ich wollte mit dem Hinweis auf solche Fakten irgendein Verbrechen rechtfertigen, was von Deutschen begangen wurde. Aber ich finde, die aus den Weltanschauungskampfen des 19. und 20. Jahrhunderts stammenden Legenden von den zu nichts Bosem fahigen Demokratien und den zu nur ein bisschen Schlimmem fahigen vielen guten Europaern einerseits und den zu allem Bosen fahigen Deutschen andererseits - diese ahistorischen Marchen sollten nicht auch noch im 21. Jahrhundert weiter erzahlt werden.
Saturday, 27 August 2005
Three aphorisms
Many errors seem to stay forever young. Sometimes the naked belly of a girl can make the easiest mathematical task nearly unsolvable. Genius is always on the brink of death, while mediocrity is immortal.
Thursday, 25 August 2005
Indoeuropaisch
Jim Terman, der Vater des eminenten Psychologen und Intelligenzforschers Lewis M. Terman und Gro?vater des herausragenden Elektronikpioniers Fred Terman, war ein einfacher Farmer in Indiana. Die bauerlichen Pflichten in seinem Haus und auf seinem Hof, wo der spatere Stanfordprofessor Lewis nahezu ohne Bucher aufwuchs, waren auf die Familienmitglieder verteilt wie in uralten indoeuropaischen Zeiten und wie zu meiner Jugendzeit in der bauerlichen Eifel.
Saturday, 20 August 2005
Die Sprache der Ausschlie?lichkeit
Emil Cioran gehort zu jenen Denkern, die gern in der Sprache der Ausschlie?lichkeit schreiben: Begriffe wie "alle", "jeder", "alles", "keiner" werden oft gebraucht. Das starkt zwar die rhetorische Wirksamkeit und erweckt leichter den Eindruck uberlegenen Selbstbewusstseins,aber es lasst auch den Verdacht mangelnder Differenzierungsfahigkeit oder mangelnden Differenzierungswillens aufkommen. Beides waren Mangel, die man nicht mit gro?erer Abstraktionsfahigkeit verwechseln sollte.
Monday, 18 July 2005
Staatliche Mumien
Hitler bezeichnete in seinem Werk "Mein Kampf" die Donaumonarchie, die nicht nur seinem Vater Arbeit, Brot und Karrieremoglichkeiten gegeben hatte, im Ruckblick als "staatliche Mumie". Wenn Osterreich-Ungarn eine staatliche Mumie war, dann war der Hitler-Staat ein Zombie, ein lebender Toter. Hitler warf der Habsburgermonarchie vor, der angeblichen "Ausrottung" des Deutschtums in ihrem Herrschaftsbereich keinen Widerstand geleistet zu haben. Sein eigener Staat war - nicht nur, was was die Vernichtung von deutscher Kultur und deutscher Bevolkerung in Mitteleuropa angeht - verheerender als es tausend Jahre Osterreich-Ungarn je hatten sein konnen. Das Deutschtum in vielen Gebieten Osterreich-Ungarns, z. B. in Siebenburgen, ist nicht aufgrund bosen Willens der Habsburger zuruckgegangen, sondern infolge der wesentlich niedrigeren Geburtenraten der Deutschen im Vergleich zu den mit ihnen im gleichen Raum konkurrierenden Volker. Selber keine Kinder zu wollen, aber das Uberhandnehmen von "Fremden" zu verteufeln - das hat weder im 20. Jahrhundert zusammengepasst noch ist es uberzeugend im 21. Jahrhundert.
Sunday, 17 July 2005
Herrscherliche Totungslust
Viele europaische Herrscher - von frankischen Monarchen bis zu rumanischen Kommunisten - waren bekannt dafur, dass sie von unma?iger -und deswegen auch unweidmannischer - Jagdlust erfullt waren und Tiere hekatombenweise abknallten. So schreibt Ruth von Mayenburg, eine Freundin des gro?en Elias Canetti, uber zwei deutschsprachige Kaiser beziehungsweise Kaiserkandidaten des 20. Jahrhunderts: "Franz Ferdinands Treibjagden in Sudbohmen waren namlich wegen der Unzahl erbarmungslos abgeknallten Wildes beruchtigt, und da mein Vater damals (und auch spater) eine fuhrende Rolle im Osterreichischen Jagdschutzverband spielte, verabscheute er deswegen den schie?wutigen hohen Herrn ebenso wie den deutschen Kaiser Wilhelm II., dem man das gleiche unjagerische Benehmen nachsagte." (zitiert in Sven Hanuscheks Canetti-Biographie). Ein weiterer deutsch-osterreichischer Herrscher, als Staatsoberhaupt einer der Nachfolger von Wilhelm II., hielt es dagegen nicht fur notig, seine Totungslust auf dem Umweg uber Tiere auszuleben und wurde zum gnadenlosen Treibjager und Massenmorder von Menschen.
Friday, 15 July 2005
Lokale, regionale, internationale Elite
In internationalen Umfragen bei hochqualifizierten Musikern des 20. Jahrhunderts ist mehrfach eine Rangliste der besten Komponisten zusammengestellt worden. Danach befinden sich unter den zehn genialsten Tonschopfern aller Zeiten acht Deutsche beziehungsweise deutschsprachige Osterreicher. Man mag dazu bei dem ein oder anderen unterschiedlicher Meinung sein, aber ich halte dies fur ein ganz und gar au?ergewohnliches Faktum, das allein schon genug Grund ware, sich noch intensiver mit dem Verhaltnis der Deutschen zur Musik und mit den Ursachen dieser Eminenz zu beschaftigen. Was meine rheinlandische Heimat angeht, so ist sie mit Beethoven an hervorragender Stelle vertreten - ein Komponist, der mutterlicherseits - wie ich - ein echter Moselfranke war. Als Rheinland-Pfalzer konnte ich auch stolz darauf sein, dass eine Umfrage unter fuhrenden amerikanischen Wissenschaftlern ergeben hat, dass sie dem Mainzer Johannes Gutenberg die wichtigste Erfindung des ganzen zweiten Jahrtausends zusprechen - eine gewaltige Ehre angesichts all der unzahligen und gro?artigen Neuerungen des letzten Jahrtausends. Dass Amerikaner am Ende des 20. Jahrhunderts einen anderen geburtigen Rheinland-Pfalzer - Helmut Kohl naturlich - als „Staatsmann des Jahrzehnts“ geehrt haben, kann man vielleicht nicht weniger staunend, aber schon kritischer zur Kenntnis nehmen. Kohls Mutter stammte aus dem Hunsruck, wird also zu einem nicht geringen Teil auch moselfrankische Vorfahren gehabt haben. Als moselfrankischer Lokalpatriot konnte ich vermuten, dass Kohls nicht zu leugnende Schwachen wohl eher auf den unterfrankischen Vater zuruckgehen – aber das ist naturlich nicht ernst gemeint, wie man uberhaupt Lokalpatriotismus meist nicht zu ernst nehmen sollte und - das ist das Gute am Lokalpatriotismus - glucklicherweise auch nicht allzu ernst nehmen muss.
Monday, 11 July 2005
Uber Carl Schmitt und Theodor Daubler, Gottestod und Menschentod
Carl Schmitt schreibt in seinem wahrend des Ersten Weltkriegs erschienenen Werk uber Theodor Daublers „Nordlicht“ von der angeblich so schrecklichen Stunde, die Daubler eben „in all ihrem Schrecken“ beschrieben habe: Jene Stunde, in der Christus am Kreuze starb. Ich kann den besonderen Schrecken dieser Stunde nicht begreifen. Gewiss, es ist immer schrecklich, wenn ein guter Mensch stirbt; vielleicht ist es sogar schrecklich, wenn ein boser Mensch stirbt. Aber wieso soll dies bei Jesus ein besonderer, geradezu kosmischer Schrecken gewesen sein? Sein Tod kann doch „nur“ der Tod eines Menschen gewesen sein. Gott, der Ewige und Unsterbliche, der kann nicht am Kreuz gestorben sein, sonst ware er weder ewig noch unsterblich gewesen und er ware nicht Gott gewesen. Wenn Gott jemals lebend gewesen ist, dann ist er nie gestorben – egal, wieviele europaische Philosophen ihn fur tot erklaren. Nun ist nach christlichem Glauben Gott Mensch geworden. Aber das kann nicht bedeuten, dass die Gottlichkeit in der Menschlichkeit aufgegangen ist und mit dieser zusammen dann gestorben ware. Dann hatte es nur Menschlichkeit und keine Gottlichkeit mehr gegeben – und welcher Christ will das behaupten? Auch nach Jesu Tod ging das irdische und das kosmische Leben weiter. War Gott denn in dieser Zeit, bis zur Auferstehung, tot, mausetot? Dann hatte sich aufs Klarste gezeigt, was Atheisten ohnehin behaupten: Dass die Welt auch ohne Gott bestehen kann. Nein: Gestorben ist am Kreuz ein Mensch und nichts als ein Mensch. Und an das Sterben von Menschen ist die Erde und sind die Himmel seit Millionen Jahren derart gewohnt, dass sie deswegen nicht mehr erschrecken und ihre gewohnte Tatigkeit nicht fur auch nur einen Augenblick unterbrechen. In der gleichen antiken Stunde, als Jesus starb, starben viele Menschen und wurden viele geboren. Kein Vogel in germanischen Waldern und in slawischen Sumpfen hat wegen einer neuen romischen Hinrichtung im besetzten Jerusalem sein Lied unterbrochen. Die Kolkraben krachzten weiter und in den Rudeln der Wolfe in den teutonischen Urwaldern knurrte und biss man, ungeruhrt um den Tod eines judischen Menschen, um die Fuhrung und das so wichtige und schone Recht zur Paarung.
Saturday, 25 June 2005
4 Tagesaphorismen
Kopfschmerzen konnen dadurch verursacht werden, dass sich Blutgefa?e zusammenziehen oder, wie man heutzutage in manchen Kreisen gern sagt, "sich zurucknehmen". Wer sich stark zurucknimmt, kann anderen sogar gro?es Kopfzerbrechen bereiten. Blaise Pascal meinte, kein Mensch konne tun, was Jesus getan habe. Ware dies wirklich wahr ist, dann ware es ein Beweis mehr dafur, dass Jesus kein Mensch war. Sich fur das Nichts zu begeistern, ist nicht besser, als sich fur nichts zu begeistern. Es ist tragisch, wenn man gekreuzigt wird, ohne dass man auch nur im Geringsten Gott sein will.
Thursday, 16 June 2005
Tolle, lege!
Augustinus war unschuldig. Der beruhmte und so wirkungsmachtige Theologe und Philosoph Augustinus konnte, als er in einem entscheidenden Moment seines Lebens die Stimme vernahm, die "Tolle, lege" rief, nicht wissen, dass dies deutsche Worte waren und nicht lateinische. Wie anders ware die Geschichte verlaufen, wenn er diese Aufforderung richtig verstanden hatte! Wie anders wurde Geschichte immer verlaufen, wenn Worte richtig verstanden wurden!
Tuesday, 7 June 2005
Geburtstag eines Philosophen
Wenn ein aphoristischer Philosoph wie Cioran am 8. April 1965 in sein personliches Notizheft ("Cahiers") schreiben durfte, dass er an jenem Tag 54 wurde, dann darf ich am heutigen Tag schreiben, dass ich 48 werde. An dem Tag, an dem meine liebe Mutter 48 wurde, also am 12. Marz 1969, hatte Cioran nichts Besseres zu tun, als sich mit Octavio Paz zu treffen. Dabei ware es viel origineller, erstaunlicher und damit eines Philosophen wurdiger gewesen, wenn er an diesem Tag meiner Mutter, die nicht weniger intelligent war als Paz, zum Geburtstag oder wenigstens mir zum Namenstag gratuliert hatte. Noch eine Notiz zu Cioran: Am 17. Juni 1966 bemerkte er uber Erwin Reisner: "philosophe veritable, mort inconnu". Wird es eines Tages von mir hei?en: "philosophe inconnu, mort veritable"? Ich will es nicht hoffen.
Monday, 6 June 2005
Der ungeliebte Rausch
Der beste Rausch ist vielleicht immer noch der Rausch der Nuchternheit. Kein anderer kann uns so gut vor Ernuchterung schutzen. Andererseits hat er einen entscheidenden Nachteil: Er ist unbeliebt und er macht unbeliebt.
Sunday, 5 June 2005
Schubladen
Schubladen, in die jemand gesteckt wird, lassen sich leichter von au?en als von innen offnen.
Deus pastor
Fur Gott, den Hirten des Seins, sind Mensch und Tier, Tau, Tropfen, Mond, Mandeln und Mythen, Himmel und Erde, sanfte Schafe der gleichen Herde.
Saturday, 4 June 2005
Walder Nornepygge
Walder Nornepygge, der hochbegabt-hilflos-hoffnungslose Titelheld aus Max Brods Roman "Schlo? Nornepygge", dachte: "Ja, wer das konnte! Nur bewu?tlos dreinschlagen, von aller Logik unbeirrt!" Hatte er immer so gedacht, so hatte er die besten Voraussetzungen gehabt, um sowohl Durchschnittsburger als auch Nazi zu werden.
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