3 Sep, 07 > 9 Sep, 07
20 Aug, 07 > 26 Aug, 07
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25 Jun, 07 > 1 Jul, 07
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GREGOR BRAND : LIBER PHILOSOPHICUS
Saturday, 20 August 2005
Die Sprache der Ausschlie?lichkeit
Emil Cioran gehort zu jenen Denkern, die gern in der Sprache der Ausschlie?lichkeit schreiben: Begriffe wie "alle", "jeder", "alles", "keiner" werden oft gebraucht. Das starkt zwar die rhetorische Wirksamkeit und erweckt leichter den Eindruck uberlegenen Selbstbewusstseins,aber es lasst auch den Verdacht mangelnder Differenzierungsfahigkeit oder mangelnden Differenzierungswillens aufkommen. Beides waren Mangel, die man nicht mit gro?erer Abstraktionsfahigkeit verwechseln sollte.
Monday, 18 July 2005
Staatliche Mumien
Hitler bezeichnete in seinem Werk "Mein Kampf" die Donaumonarchie, die nicht nur seinem Vater Arbeit, Brot und Karrieremoglichkeiten gegeben hatte, im Ruckblick als "staatliche Mumie". Wenn Osterreich-Ungarn eine staatliche Mumie war, dann war der Hitler-Staat ein Zombie, ein lebender Toter. Hitler warf der Habsburgermonarchie vor, der angeblichen "Ausrottung" des Deutschtums in ihrem Herrschaftsbereich keinen Widerstand geleistet zu haben. Sein eigener Staat war - nicht nur, was was die Vernichtung von deutscher Kultur und deutscher Bevolkerung in Mitteleuropa angeht - verheerender als es tausend Jahre Osterreich-Ungarn je hatten sein konnen. Das Deutschtum in vielen Gebieten Osterreich-Ungarns, z. B. in Siebenburgen, ist nicht aufgrund bosen Willens der Habsburger zuruckgegangen, sondern infolge der wesentlich niedrigeren Geburtenraten der Deutschen im Vergleich zu den mit ihnen im gleichen Raum konkurrierenden Volker. Selber keine Kinder zu wollen, aber das Uberhandnehmen von "Fremden" zu verteufeln - das hat weder im 20. Jahrhundert zusammengepasst noch ist es uberzeugend im 21. Jahrhundert.
Sunday, 17 July 2005
Herrscherliche Totungslust
Viele europaische Herrscher - von frankischen Monarchen bis zu rumanischen Kommunisten - waren bekannt dafur, dass sie von unma?iger -und deswegen auch unweidmannischer - Jagdlust erfullt waren und Tiere hekatombenweise abknallten. So schreibt Ruth von Mayenburg, eine Freundin des gro?en Elias Canetti, uber zwei deutschsprachige Kaiser beziehungsweise Kaiserkandidaten des 20. Jahrhunderts: "Franz Ferdinands Treibjagden in Sudbohmen waren namlich wegen der Unzahl erbarmungslos abgeknallten Wildes beruchtigt, und da mein Vater damals (und auch spater) eine fuhrende Rolle im Osterreichischen Jagdschutzverband spielte, verabscheute er deswegen den schie?wutigen hohen Herrn ebenso wie den deutschen Kaiser Wilhelm II., dem man das gleiche unjagerische Benehmen nachsagte." (zitiert in Sven Hanuscheks Canetti-Biographie). Ein weiterer deutsch-osterreichischer Herrscher, als Staatsoberhaupt einer der Nachfolger von Wilhelm II., hielt es dagegen nicht fur notig, seine Totungslust auf dem Umweg uber Tiere auszuleben und wurde zum gnadenlosen Treibjager und Massenmorder von Menschen.
Friday, 15 July 2005
Lokale, regionale, internationale Elite
In internationalen Umfragen bei hochqualifizierten Musikern des 20. Jahrhunderts ist mehrfach eine Rangliste der besten Komponisten zusammengestellt worden. Danach befinden sich unter den zehn genialsten Tonschopfern aller Zeiten acht Deutsche beziehungsweise deutschsprachige Osterreicher. Man mag dazu bei dem ein oder anderen unterschiedlicher Meinung sein, aber ich halte dies fur ein ganz und gar au?ergewohnliches Faktum, das allein schon genug Grund ware, sich noch intensiver mit dem Verhaltnis der Deutschen zur Musik und mit den Ursachen dieser Eminenz zu beschaftigen. Was meine rheinlandische Heimat angeht, so ist sie mit Beethoven an hervorragender Stelle vertreten - ein Komponist, der mutterlicherseits - wie ich - ein echter Moselfranke war. Als Rheinland-Pfalzer konnte ich auch stolz darauf sein, dass eine Umfrage unter fuhrenden amerikanischen Wissenschaftlern ergeben hat, dass sie dem Mainzer Johannes Gutenberg die wichtigste Erfindung des ganzen zweiten Jahrtausends zusprechen - eine gewaltige Ehre angesichts all der unzahligen und gro?artigen Neuerungen des letzten Jahrtausends. Dass Amerikaner am Ende des 20. Jahrhunderts einen anderen geburtigen Rheinland-Pfalzer - Helmut Kohl naturlich - als „Staatsmann des Jahrzehnts“ geehrt haben, kann man vielleicht nicht weniger staunend, aber schon kritischer zur Kenntnis nehmen. Kohls Mutter stammte aus dem Hunsruck, wird also zu einem nicht geringen Teil auch moselfrankische Vorfahren gehabt haben. Als moselfrankischer Lokalpatriot konnte ich vermuten, dass Kohls nicht zu leugnende Schwachen wohl eher auf den unterfrankischen Vater zuruckgehen – aber das ist naturlich nicht ernst gemeint, wie man uberhaupt Lokalpatriotismus meist nicht zu ernst nehmen sollte und - das ist das Gute am Lokalpatriotismus - glucklicherweise auch nicht allzu ernst nehmen muss.
Monday, 11 July 2005
Uber Carl Schmitt und Theodor Daubler, Gottestod und Menschentod
Carl Schmitt schreibt in seinem wahrend des Ersten Weltkriegs erschienenen Werk uber Theodor Daublers „Nordlicht“ von der angeblich so schrecklichen Stunde, die Daubler eben „in all ihrem Schrecken“ beschrieben habe: Jene Stunde, in der Christus am Kreuze starb. Ich kann den besonderen Schrecken dieser Stunde nicht begreifen. Gewiss, es ist immer schrecklich, wenn ein guter Mensch stirbt; vielleicht ist es sogar schrecklich, wenn ein boser Mensch stirbt. Aber wieso soll dies bei Jesus ein besonderer, geradezu kosmischer Schrecken gewesen sein? Sein Tod kann doch „nur“ der Tod eines Menschen gewesen sein. Gott, der Ewige und Unsterbliche, der kann nicht am Kreuz gestorben sein, sonst ware er weder ewig noch unsterblich gewesen und er ware nicht Gott gewesen. Wenn Gott jemals lebend gewesen ist, dann ist er nie gestorben – egal, wieviele europaische Philosophen ihn fur tot erklaren. Nun ist nach christlichem Glauben Gott Mensch geworden. Aber das kann nicht bedeuten, dass die Gottlichkeit in der Menschlichkeit aufgegangen ist und mit dieser zusammen dann gestorben ware. Dann hatte es nur Menschlichkeit und keine Gottlichkeit mehr gegeben – und welcher Christ will das behaupten? Auch nach Jesu Tod ging das irdische und das kosmische Leben weiter. War Gott denn in dieser Zeit, bis zur Auferstehung, tot, mausetot? Dann hatte sich aufs Klarste gezeigt, was Atheisten ohnehin behaupten: Dass die Welt auch ohne Gott bestehen kann. Nein: Gestorben ist am Kreuz ein Mensch und nichts als ein Mensch. Und an das Sterben von Menschen ist die Erde und sind die Himmel seit Millionen Jahren derart gewohnt, dass sie deswegen nicht mehr erschrecken und ihre gewohnte Tatigkeit nicht fur auch nur einen Augenblick unterbrechen. In der gleichen antiken Stunde, als Jesus starb, starben viele Menschen und wurden viele geboren. Kein Vogel in germanischen Waldern und in slawischen Sumpfen hat wegen einer neuen romischen Hinrichtung im besetzten Jerusalem sein Lied unterbrochen. Die Kolkraben krachzten weiter und in den Rudeln der Wolfe in den teutonischen Urwaldern knurrte und biss man, ungeruhrt um den Tod eines judischen Menschen, um die Fuhrung und das so wichtige und schone Recht zur Paarung.
Saturday, 25 June 2005
4 Tagesaphorismen
Kopfschmerzen konnen dadurch verursacht werden, dass sich Blutgefa?e zusammenziehen oder, wie man heutzutage in manchen Kreisen gern sagt, "sich zurucknehmen". Wer sich stark zurucknimmt, kann anderen sogar gro?es Kopfzerbrechen bereiten. Blaise Pascal meinte, kein Mensch konne tun, was Jesus getan habe. Ware dies wirklich wahr ist, dann ware es ein Beweis mehr dafur, dass Jesus kein Mensch war. Sich fur das Nichts zu begeistern, ist nicht besser, als sich fur nichts zu begeistern. Es ist tragisch, wenn man gekreuzigt wird, ohne dass man auch nur im Geringsten Gott sein will.
Thursday, 16 June 2005
Tolle, lege!
Augustinus war unschuldig. Der beruhmte und so wirkungsmachtige Theologe und Philosoph Augustinus konnte, als er in einem entscheidenden Moment seines Lebens die Stimme vernahm, die "Tolle, lege" rief, nicht wissen, dass dies deutsche Worte waren und nicht lateinische. Wie anders ware die Geschichte verlaufen, wenn er diese Aufforderung richtig verstanden hatte! Wie anders wurde Geschichte immer verlaufen, wenn Worte richtig verstanden wurden!
Tuesday, 7 June 2005
Geburtstag eines Philosophen
Wenn ein aphoristischer Philosoph wie Cioran am 8. April 1965 in sein personliches Notizheft ("Cahiers") schreiben durfte, dass er an jenem Tag 54 wurde, dann darf ich am heutigen Tag schreiben, dass ich 48 werde. An dem Tag, an dem meine liebe Mutter 48 wurde, also am 12. Marz 1969, hatte Cioran nichts Besseres zu tun, als sich mit Octavio Paz zu treffen. Dabei ware es viel origineller, erstaunlicher und damit eines Philosophen wurdiger gewesen, wenn er an diesem Tag meiner Mutter, die nicht weniger intelligent war als Paz, zum Geburtstag oder wenigstens mir zum Namenstag gratuliert hatte. Noch eine Notiz zu Cioran: Am 17. Juni 1966 bemerkte er uber Erwin Reisner: "philosophe veritable, mort inconnu". Wird es eines Tages von mir hei?en: "philosophe inconnu, mort veritable"? Ich will es nicht hoffen.
Monday, 6 June 2005
Der ungeliebte Rausch
Der beste Rausch ist vielleicht immer noch der Rausch der Nuchternheit. Kein anderer kann uns so gut vor Ernuchterung schutzen. Andererseits hat er einen entscheidenden Nachteil: Er ist unbeliebt und er macht unbeliebt.
Sunday, 5 June 2005
Schubladen
Schubladen, in die jemand gesteckt wird, lassen sich leichter von au?en als von innen offnen.
Deus pastor
Fur Gott, den Hirten des Seins, sind Mensch und Tier, Tau, Tropfen, Mond, Mandeln und Mythen, Himmel und Erde, sanfte Schafe der gleichen Herde.
Saturday, 4 June 2005
Walder Nornepygge
Walder Nornepygge, der hochbegabt-hilflos-hoffnungslose Titelheld aus Max Brods Roman "Schlo? Nornepygge", dachte: "Ja, wer das konnte! Nur bewu?tlos dreinschlagen, von aller Logik unbeirrt!" Hatte er immer so gedacht, so hatte er die besten Voraussetzungen gehabt, um sowohl Durchschnittsburger als auch Nazi zu werden.
Die Sicht des Philosophen
Der Blick des Philosophen auf die Welt sollte in erster Linie weder mikro- noch makroskopisch, sondern mesoskopisch sein.
Volkerwanderungszeit
Waren das nicht jene Jahrhunderte, als Genies noch in Reihengrabern und nicht in Massengrabern beerdigt wurden?
Pascal und Nietzsche
Blaise Pascal schrieb seine "Gedanken", um definitiv zu beweisen, dass man gleichzeitig genialer Mathematiker und durchschnittlicher Philosoph und Schriftsteller sein kann. Friedrich Nietzsche demonstrierte demgegenuber, dass man zur gleichen Zeit einer der intelligentesten Anreger der Philosophie und mathematischer Analphabet sein kann. Nietzsches mathematische Leistungen wurden schlie?lich nur noch von denen des schlauen Staatsmannes Helmut Kohl unterboten.
Intelligenz und Intelligenztest
Diejenigen hochintelligenten Menschen, die sich vom Ergebnis eines Intelligenztests dazu verleiten lassen, sich fur dumm zu halten, die sind es wirklich.
Thursday, 2 June 2005
Spatestens
Spatestens seit dem 20. Dezember 1968 ist Literatur brodlose Kunst.
Wednesday, 1 June 2005
Deutz 11 PS
Zu den unvergesslichen Worten meines guten Vaters gehoren seine Traktorate.
Regen
Wer bei einem nachtlichen Landregen im Fruhsommer kein Gefuhl von Dankbarkeit empfinden kann, ist: falsch erzogen.
Monday, 30 May 2005
Nicolas Gomez Davila und Gregor Brand
Wurde ich sagen, dass Gomez Davila ein besserer Aphoristiker und Philosoph ist als ich, dann ware ich ein bescheidener grandioser Lugner.
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