3 Sep, 07 > 9 Sep, 07
20 Aug, 07 > 26 Aug, 07
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GREGOR BRAND : LIBER PHILOSOPHICUS
Tuesday, 5 April 2005
Das weinselige Subjekt der Erkenntnis
Goethe schrieb als jungfraulicher Mittzwanzigjahriger im Jahr 1775 auf einer Reise in die Schweiz folgendes Poem: " Ohne Wein kanns uns auf Erden nimmer wie dreihundert werden, Ohne Wein und ohne Weiber Hol der Teufel unsre Leiber." Zumindest, was den Wein angeht, hat Goethe - dessen IQ die amerikanische Psychologin Cox im 20. Jahrhundert posthum auf 200 geschatzt hat - sein Bestes getan, dass der Teufel seinen Leib nicht holt. In der Goethe-Biographie von K. Schulz (Goethe: Eine Biographie in 16 Kapiteln. Stuttgart, P. Reclam jun. 1999, S. 432) hei?t es: "Uberschlagt man die vorhandenen Zahlen, gelangt man zu dem Resultat, dass er im Alter taglich zwei bis drei Liter Wein getrunken haben muss, bei Anlassen, bei denen gezecht wurde, noch mehr." Dabei ist zu bedenken, dass er 82 Jahre alt wurde und gerade in seinen letzten Lebensjahren mit dem Faust II ein Meisterwerk geschaffen hat. Um auf den obigen Spruch zuruck zu kommen: Es gibt naturlich keinen Anlass, seine Bedeutung uberzubewerten und es so darzustellen, als hatte Goethe auf dem Zuricher See darin seine gesamte Weltanschauung komprimiert. Auf der anderen Seite halte ich es aber auch nicht fur sinnvoll zu sagen, darin ginge es nur um korperliche Befriedigung, die mit der Seele nichts zu tun habe. Wenn Goethe schreibt, dass der Teufel die Leiber holt, dann wei? er sehr wohl, dass nach christlicher Auffassung der ganze Mensch - mit Seele UND Leib - nach dem Jungsten Gericht entweder in der Holle oder im Himmel landet. Wenn also der Teufel den Leib eines Menschen holt, dann automatisch auch seine Seele. Ich halte es nicht fur verwunderlich, dass ich mir bei der Erorterung philosophischer Standpunkte die Frage stelle, WER welche Standpunkte vertritt. Spatestens seit Kant wird ja weithin anerkannt, dass die Bedingungen der Erkenntnis vom Subjekt der Erkenntnis abhangen. Dabei ist es nun meines Erachtens nicht damit getan zu sagen: Subjekt der Erkenntnis ist der Mensch, sondern man sollte schon fragen, welche Art von Menschen welche Erkenntnisse au?ert. Solche Fragen haben sich auch schon Philosophen in der Antike gestellt. Klassisches Beispiel dafur ist Xenophanes, dem aufgefallen war, dass die Gotter der Athiopier schwarz sind, die der Thraker blond etc.: In solchen Beobachtungen kommt klar die Erkenntnis zum Ausdruck, dass es nicht gleichgultig ist, wer sich zu etwas au?ert.
Zum Begriff der Elite
Es gibt bei der Definition von Elite zwei unterschiedliche allgemeine Ansatze: Der eine Teil versteht "Elite" gewisserma?en soziologisch: Zur Elite werden danach diejenigen gezahlt, die herausgehobene gesellschaftliche Funktionen und Positionen innehaben. Der andere Teil dagegen definiert Elite uber au?ergewohnliche Fahigkeiten und Eigenschaften. Ich personlich finde den soziologischen Ansatz ziemlich absto?end, da dabei eben nicht nach besonderen Qualitaten gefragt wird (hochstens nach der "Fahigkeit", irgendwie nach "oben" zu kommen). Deshalb gefallt es mir auch nicht, wenn beispielsweise von nationalsozialistischen, bolschewistischen und dergleichen "Eliten" die Rede ist - oder auch von CDU-, SED-, SPD-, Gewerkschafts- etc. Eliten. Leider wird nach meinem Eindruck in Veroffentlichungen der Elitebegriff meist in diesem soziologischen Sinn gebraucht. Das fuhrt dazu, dass es eine Inflation von "Eliten" gibt: In nahezu jeder abgrenzbaren Gruppe gibt es schlie?lich eine Rangordnung, die es erlaubt, die oben Stehenden als "Elite" zu kennzeichnen. Wesentlich sympathischer ist mir die Verbindung des Elitebegriffs mit ganz besonderen POSITIVEN Fahigkeiten und Eigenschaften, unabhangig vom sozialen Status. Man sollte darauf achten, nicht den sozialen Elitebegriff mit dem geistigen Elitebegriff zu verwechseln. Sozial oben stehende Alphamenschen sollten also nicht ohne weiteres fur besser und wichtiger gehalten und unkritisch mit dem begehrten Elite-Titel geehrt werden. Ein genialer armer Hund wie etwa der Dichter Georg Trakl stellt ungleich mehr wahre Elite dar als ein hohl brullender Lowe auf noch so hohem Thron.
Sunday, 27 March 2005
Das Charisma einer Idee
Das Charisma einer philosophischen oder theologischen Idee ist fur ihre Wirksamkeit wichtiger als ihre inhaltliche Substanz.
Saturday, 26 March 2005
Der S-Typus
Der amerikanische Psychologe James McKeen Cattel schrieb 1947: "France was at all times primarily the country of abnormal psychology." Zum "Beweis" fur diese Behauptung nennt er die Namen von Liebeault, Charcot, Bernheim und Charcot. Wenige Jahre zuvor war in Deutschland der allzu oft verunglimpfte und immer noch unterschatzte Psychologe und Philosoph Prof. Erich Jaensch (1883 - 1940) gestorben, der die gleiche Auffassung vertreten hatte und der dies damit erklarte, dass in Frankreich eben der von ihm so genannte S-Typus vorherrsche, der eine Vorliebe fur das Unnaturliche und Abseitige habe. Diesen S-Typus sah Jaensch vor allem bei Juden und Sudlandern vorherrschen, aber auch bei vielen - oft geistig sehr einflussreichen - Deutschen, etwa Martin Heidegger. Auch dies war deutsches Geistesleben im Nationalsozialismus: Der Prasident der Deutschen Gesellschaft fur Psychologie Erich Jaensch, selbst ein Freund der nationalsozialistischen Weltanschauung, bezeichnet das Denken des gleichfalls mit dem Nationalsozialismus sympathisierenden Philosophen Heidegger als krank.
Wednesday, 23 March 2005
Der aktuelle Jean Paul
Jean Paul, obwohl vor zweihundert Jahren lebend, klingt teilweise sehr neu: wenn er beispielsweise schreibt, etwas sei "achttoll", oder wenn er sich einen Kunstlernamen zulegt, der von Jugendlichen heute eher mit einem Musiker aus der Karibik in Verbindung gebracht wird.
Hitler und Jean Paul
Hitler hat dazu beigetragen, dass man fast zusammenzuckt, wenn Jean Paul den "Nazionalcharakter" der Deutschen erwahnt.
Tuesday, 22 March 2005
Ein Zeitgenosse
Sein Name klingt urdeutsch, seine Herkunft ist deutsch-russisch-judisch, und seine Vorurteile sind grenzenlos wie alle Vorurteile.
Sunday, 20 March 2005
Emily Dickinson und der Begriff der Dichtung
Von Emily Dickinson stammt eine hochst dramatische Definition dessen, was Dichtung ("poetry") sei. Sie schrieb, wenn sie ein Buch lese und es mache ihren ganzen Korper so kalt, dass kein Feuer sie uberhaupt warmen konne, dann wisse sie, dass dies Dichtung sei. Wenn sie sich korperlich so fuhle, als wurde ihr die Spitze des Kopfes weggenommen, dann wisse sie, dass dies Dichtung sei. Sonst kenne sie keine Art, Dichtung zu erkennen. Ein Gluck, dass es den meisten Dichtern anders ergeht und ergangen ist. Woran Dickinson Dichtung erkennt - ist daran nicht eher das Signum einer krankhaften Denkweise zu erkennen? Wer wirklich Dichtung auf solche extremen psychophysischen Reaktionen beschranken will, stellt sie in eine Ecke der kulturellen Welt, wo sie von ernstzunehmenden Menschen nur noch als abseitiges und letztlich vollig belangloses Phanomen registriert wird. Naturlich ist es kein Wunder, dass auf ein solches missratenes Verstandnis von Dichtkunst all diejenigen Wissenschaftler allzu gerne anspringen, die Gedichte eigentlich hassen, auch wenn sie sich, etwa als Literaturwissenschaftler, zeitlebens damit befassen. Dichtung darf nicht nur unter dem Aspekt des Erregungspotentials gesehen werden. Hat nicht der Bericht uber ein schandliches Verbrechen ein hundertfach gro?eres Erregungspotential als eine Ode von Horaz?
Tuesday, 15 March 2005
Denkmaler
Es war ein Koblenzer, der Ernst Haeckel, den spater herausragenden deutschen Biologen seiner Zeit, fur die Zoologie gewonnen hat und so, abgesehen von seiner unmittelbaren eigenen wissenschaftlichen Leistung, auch auf diesem Umweg bleibenden Einfluss auf den Gang der Naturwissenschaft und des Denkens genommen hat: Johannes Muller. Intellektuell war der Biologe Muller vermutlich dem deutschen Kaiser Wilhelm I, dessen Denkmal auf dem Deutschen Eck in Mullers Heimatstadt steht, deutlich uberlegen. Aber gerade weil er so klug war, hatte Muller auch anerkannt, dass nicht nur Geistesriesen Denkmaler verdienen.
Sunday, 13 March 2005
Einsteins unterschatzte Intelligenz
Um die eigene Intelligenz im psychometrischen Sinn einigerma?en richtig beurteilen zu konnen, bedarf es zumindest gewisser Grundkenntnisse uber die allgemeine Intelligenzverteilung in einer Gesellschaft. Man muss nicht nur wissen, wozu man selbst kognitiv in der Lage ist, sondern auch eine Vorstellung haben, wozu andere geistig fahig sind. Nur intelligent oder auch hochst intelligent zu sein, reicht nicht aus, was man unter anderem an den grandiosen Selbstfehlbeurteilungen hoch begabter Menschen erkennen kann. Gerade solche Hochbegabte, die sich nicht mit Intelligenz als Fachbegriff der Psychologie beschaftigen oder die aus anderen Grunden eine zu geringe Meinung von sich haben, neigen dazu, sich selbst sehr unterschatzen. Sie halten sich erstaunlich oft fur "normal" und durchschnittlich - was sie aber in geistiger Hinsicht gerade nicht sind. So hat beispielsweise Albert Einstein, dessen Geburtstag sich morgen jahrt, in geradezu absurder Bescheidenheit gemeint, er sei nicht intelligenter als der Durchschnitt, habe kein gutes Gedachtnis, begreife langsam ... Und Charles Darwin, herausragendes Mitglied einer von Hochbegabten strotzenden Familie, schrieb: " I have no great quickness of apprehension or wit which is so remarkable in some clever men ...". Viele weitere derartige Beispiele lie?en sich anfugen - woraus man aber andererseits nicht den Schluss ziehen sollte, alle sehr Intelligenten wurden sich unterschatzen.
Thursday, 3 March 2005
Max Brod I
Mark H. Gelber schreibt im Metzler "Lexikon judischer Philosophen" (2003) uber Max Brod, er sei "einer der geistreichsten und meistbegabten judischen Denker, Dichter und Intellektuellen des 20. Jahrhunderts". Dieses au?erordentliche Lob erscheint angesichts der unglaublichen Anzahl judischer Denker des 20. Jahrhunderts gewagt und mutig, zumal wenn man bedenkt, dass es im Bereich geistiger Hochstleistungen kaum moglich ist, einzelne Personlichkeiten hinsichtlich ihrer intellektuellen Kapazitat angemessen wertend zu unterscheiden. Andererseits aber erscheint mir die Anerkennung fur Brod doch gerechtfertigt und berechtigt, denn allein schon sein als Jurastudent verfasster Roman "Schlo? Nornepygge" ist ein brilliantes Werk und man kann auch heute nur staunen, wozu jemand in einem solchen Alter vor hundert Jahren fahig war.
Wednesday, 2 June 2004
Cioran I
Denken hei?t ubertreiben. Meinte Cioran in seinen CAHIERS 1957 - 1972. Ich finde, da hat er stark ubertrieben. Im gleichen Werk bemerkte Cioran: "Les seuls types biens en Allemagne etaient les Juifs." Ich halte es demgegenuber fur keinen Fortschritt, antisemitische Vorurteile durch antigermanische zu ersetzen.
Tuesday, 25 May 2004
Bekennende Genies
Wahren Genies verzeiht man meist selbst dann nicht, dass sie sich als solche bekennen, wenn sie eine uberzeugende Entschuldigung beifugen.
Luziditat
Wer chronisch luzide ist, der leidet und lasst leiden.
Bleibende deutsche Worter
Es gibt manche Worter, die bleiben auch dann sehr deutsch, wenn sie gar nicht mehr gebraucht werden. Zum Beispiel: "Gummiknuppelgebrauch".
Jugendliches Alter
In einem Nachruf auf den gro?en Steuerrechtler Albert Haensel, der 1933 als 38-Jahriger starb, hei?t es: "Er war trotz seiner Jugend ein Meister." Es ist schon, dass es Bereiche gibt, in denen man mit fast 40 Jahren noch als jung gilt.
Ciorans Gehirn
"Mon cerveaux n'est pas en tres bon etat", schrieb Cioran an einem seiner Pariser Tage in seine CAHIERS und druckte damit gleichzeitig eine Wahrheit aus, die viele an vielen Tagen mit Recht aussprechen konnten.
Neologismus
Manche Wortneubildungen sind wundervoll, aber bleiben es nur so lange, wie sie nicht allgemein ubernommen worden. Wenn sie in den allgemeinen Sprachgebrauch ubergehen wurden, verloren sie ihre witzige Originalitat. Ich denke hier z. B. an Roda Rodas kostliche Angabe uber seinen Beruf: "Schriftstellereibesitzer".
Friday, 26 March 2004
Ja und Nein
Zum Jasager wird man erzogen, zum Neinsager wird man geboren. HOME
Das Alter der Gedanken
Jungere Gedanken sind nur ausnahmsweise neue Gedanken.
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