Goethe schrieb als jungfraulicher Mittzwanzigjahriger im Jahr 1775 auf einer Reise in die Schweiz folgendes Poem:
" Ohne Wein kanns uns auf Erden
nimmer wie dreihundert werden,
Ohne Wein und ohne Weiber
Hol der Teufel unsre Leiber."
Zumindest, was den Wein angeht, hat Goethe - dessen IQ die amerikanische Psychologin Cox im 20. Jahrhundert posthum auf 200 geschatzt hat - sein Bestes getan, dass der Teufel seinen Leib nicht holt. In der Goethe-Biographie von K. Schulz (Goethe: Eine Biographie in 16 Kapiteln. Stuttgart, P. Reclam jun. 1999, S. 432) hei?t es:
"Uberschlagt man die vorhandenen Zahlen, gelangt man zu dem Resultat, dass er im Alter taglich zwei bis drei Liter Wein getrunken haben muss, bei Anlassen, bei denen gezecht wurde, noch mehr."
Dabei ist zu bedenken, dass er 82 Jahre alt wurde und gerade in seinen letzten Lebensjahren mit dem Faust II ein Meisterwerk geschaffen hat.
Um auf den obigen Spruch zuruck zu kommen: Es gibt naturlich keinen Anlass, seine Bedeutung uberzubewerten und es so darzustellen, als hatte Goethe auf dem Zuricher See darin seine gesamte Weltanschauung komprimiert. Auf der anderen Seite halte ich es aber auch nicht fur sinnvoll zu sagen, darin ginge es nur um korperliche Befriedigung, die mit der Seele nichts zu tun habe. Wenn Goethe schreibt, dass der Teufel die Leiber holt, dann wei? er sehr wohl, dass nach christlicher Auffassung der ganze Mensch - mit Seele UND Leib - nach dem Jungsten Gericht entweder in der Holle oder im Himmel landet. Wenn also der Teufel den Leib eines Menschen holt, dann automatisch auch seine Seele.
Ich halte es nicht fur verwunderlich, dass ich mir bei der Erorterung philosophischer Standpunkte die Frage stelle, WER welche Standpunkte vertritt. Spatestens seit Kant wird ja weithin anerkannt, dass die Bedingungen der Erkenntnis vom Subjekt der Erkenntnis abhangen. Dabei ist es nun meines Erachtens nicht damit getan zu sagen: Subjekt der Erkenntnis ist der Mensch, sondern man sollte schon fragen, welche Art von Menschen welche Erkenntnisse au?ert. Solche Fragen haben sich auch schon Philosophen in der Antike gestellt. Klassisches Beispiel dafur ist Xenophanes, dem aufgefallen war, dass die Gotter der Athiopier schwarz sind, die der Thraker blond etc.: In solchen Beobachtungen kommt klar die Erkenntnis zum Ausdruck, dass es nicht gleichgultig ist, wer sich zu etwas au?ert.