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GREGOR BRAND : LIBER PHILOSOPHICUS
Monday, 3 September 2007
Erich Jaensch und die Achtung der Völker

Der wichtige deutsche Psychologe und Philosoph Erich Jaensch (1883 - 1940) hatte schon zu Lebzeiten mit einer ihm auf weite Strecken feindselig gesonnenen philosophischen Zeitgenossenschaft zu kämpfen. Viele nahmen dem stark empirisch orientierten Denker übel, dass er den unerlässlichen Bezug der Philosophie zur psychologischen Wissenschaft und zu den Naturwissenschaften generell stark betonte und sie verübelten ihm besonders, dass er den sogenannten Neukantianismus seines Lehrstuhl-Vorgängers Hermann Cohen – einer Paradefigur moderner jüdischer Philosophie -  in den Gesamtzusammenhang jüdischen Denkens stellte und Cohens jüdisch geprägtes Denken als wirklichkeitsverfehlend darzustellen wagte. Als bekennender Kritiker jüdischen philosophischen Denkens à la Cohen wird Erich Jaensch seit dem Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig ignoriert und vielfach aufs Gröbste verleumdet. Aus der Tatsache, dass er Mitglied der NSDAP wurde und sich öffentlich zum nationalsozialistischen Staat bekannte, wird immer noch voreilig und gedankenlos geschlossen, dass er damit gewissermaßen automatisch jede böse Handlung des Dritten Reiches und jedes während dieser Zeit geäußerte verwerfliche Gedankengut gebilligt habe. Leider wissen noch allzu wenige, wie heterogen und antagonistisch das Denken derjenigen war, die im Dritten Reich auf hohem Niveau gedacht und geforscht haben: Dies gilt besonders auf dem verhältnismäßig kleinen Bereich der Philosophie. Hier werden mit weiterhin zunehmender und manchmal verzweifelt anmutender Vehemenz Philosophen als Nationalsozialisten bezeichnet, die ganz unterschiedlich gedacht haben und sich teilweise sogar heftig bekämpften. Es wäre interessant zu wissen, ob diejenigen, die beispielsweise Martin Heidegger mit seiner Einordnung als Nationalsozialisten posthum intellektuell zu erledigen versuchen, auch Erich Jaensch, einen ausdrücklichen philosophischen Gegner Heideggers, als Nationalsozialisten selektionieren. Wenn beide sehr unterschiedlichen und verfeindeten Denker nationalsozialistische Philosophen waren – was ist dann nationalsozialistische Philosophie?

Erich Jaensch bewies, dass man Nationalsozialist sein konnte, ohne eine völkermörderische Gesinnung zu haben. Der sehr produktive Anthropologe und Kulturphilosoph Jaensch betonte in seinem kulturkritischen Hauptwerk „Der Gegentypus“ (Leipzig 1938) – von dem selbst Professoren heute oft nicht mehr als den missverständlichen und missverstandenen Titel kennen – vielmehr, dass von der geistigen Konzeption her seiner Ansicht nach das Gegenteil der Fall ist. Unter der Überschrift: „Die anthropologische Denkweise der deutschen Bewegung befördert nicht den Gegensatz, sondern die Verständigung zwischen den Völkern“  schrieb Jaensch etwa  (S. 194):

„Unsere deutsche Bewegung betont zwar aufs stärkste die völkische Selbstachtung, aber sie ist zugleich aufs weiteste davon entfernt, diejenige der anderen anzutasten. Ihr Ideal ist die ritterliche Achtung und Selbstachtung der Völker.“

Im gleichen Buch und Jahr, als der Nationalsozialismus in voller Blüte stand, schrieb Jaensch, der zwar - wie so viele Große von Tacitus über Augustinus bis Schopenhauer - Kritiker des Judentums war  (wie er auch  Kritiker von Descartes und weiten Teilen der neuzeitlichen Kultur) - , aber eben kein Antisemit, anerkennend über den jüdischen  Mathematiker Georg Cantor:

 „Cantor gehört zu denjenigen Vertretern jüdischer Wissenschaft, deren Lauterkeit unantastbar ist.“

Und über seinen berühmten Gegenspieler Hermann Cohen bemerkte Jaensch nicht weniger bewundernd:

"Cohen war in seiner Art ein ganzer Mann, dem auch der antipodisch denkende Gegener Achtung zollen muß." (Der Gegentypus, S. 75).

Ein derart positives Urteil - und das öffentlich und im Jahr 1938 durch den Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Psychologie - über Cohen zeigt einmal mehr, wie falsch und vourteilsvoll es ist, wenn die Ablehnung der Philosophie Cohens durch seinen Nachfolger als Ausdruck von persönlicher antijüdischer Feindschaft gedeutet wird. Wenn dies trotzdem behauptet wird, dann stellt dies nichts anderes als eine Verleumdung von Denken und Person Erich Jaenschs dar.

  


Posted by Gregor Brand at 12:25 AM BST
Updated: Tuesday, 4 September 2007 1:16 AM BST
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