Der 1922 einem Terroranschlag zum Opfer gefallene Millionär, Autor und Politiker Walther Rathenau schaffte es zu Lebzeiten, sich ein beachtliches Image aufzubauen. Davon zehrt sein Ruf bis heute. Er wird immer noch wesentlich zu unkritisch betrachtet. Beispielhaft zeigt sich das etwa in dem aktuellen Wikipedia-Artikel über ihn, der zu seinem Nachleben nur Sebastian Haffners maßlose Lobeshymne über ihn zitiert. Man könnte für diese unkritische Idealisierung zahlreiche weitere Beispiele nennen. So erwähnt der freie Historiker Gerd Koenen in einem ansonsten sehr verdienstvollen Beitrag die angeblich „glanzvollen Brandreden des Junggesellen an der Spitze der AEG“ in Rathenaus Buch „Von kommenden Dingen“. Wenn man sich diese Ausführungen allerdings unbefangen und nüchtern anschaut, dann verblasst der auch von den damaligen Medien aufgebauschte Glanz des überaus einflussreichen Politstars recht schnell und zum Vorschein kommen oberflächliche Betrachtungen eines ausgeprägten Frauenfeindes. Unabhängig von der Frage, ob Rathenau homosexuell war oder nicht, lohnt es sich, seine Ausführungen näher zu betrachten. So schreibt er: „Der furchtbare Verfall der gewerblichen Künste seit achtzig Jahren, den das ernsteste Bestreben nicht aufzuhalten vermag, fällt weit weniger der Maschine als der kaufenden Frau zur Schuld. Denn ihr fehlt der Blick fürs Handwerkliche, fürs Tüchtige, Brauchbare und Echte, vor allem für Maß und Kunst; es fehlt ihr auch die Festigkeit des Willens zum Notwendigen, die Unabänderlichkeit des Entschlusses; sie unterliegt dem Reiz, der flüchtigen Ähnlichkeit mit Gediegenem, der Gelegenheit, dem glänzenden Schein, der trügerischen Rechnung, dem Geschwätz des Verkäufers.“ (Von kommenden Dingen, Berlin 1917, S. 182). Solche Sätze muss man mit Ruhe und Bedacht lesen: Die darin zum Ausdruck kommende manifeste Frauenverachtung – vor allem, was das angeblich der Frau fehlende angeht – straft allein schon manche Lobhudelei Rathenaus Lügen. Rathenau spricht weiter von „Weibernarrheit“ (S. 184) und bilanziert zuungunsten der Frauen: „Die sittliche Folge dieser Laster ist schwer, die wirtschaftliche und soziale ist unermeßlich.“ Mitten im Ersten Weltkrieg, wo sich eigentlich jeder das – hier nun wirklich unermessliche – Leid und die Tränen von Millionen trauernder Frauen, Männer und Kinder vorstellen kann, besitzt Rathenau die Unverschämtheit zu schreiben, dass bei den Frauen „das Hundertfache der Tränen, die sie durch stille Wohltat trocknen, an den harmlosen Nichtigkeiten haftet, die sie in Schachteln, Paketen und Gefährten in ihre Häuser schleppen lassen“ (S. 185). Nach weiteren derartigen Ausführungen kommt eine von Rathenaus angeblichen – siehe Haffner – genialen Weisheiten: „Die Schuld für jede Schlechtigkeit des Mannes trägt die Mutter ...“ (S. 185). Wenn Rathenau in diesem Zusammenhang überhaupt etwas an den Männern zu kritisieren hat, dann im Grunde nur, dass sie der irrenden und erkenntnisschwachen Frau nicht den richtigen Weg und das Ziel weisen. Was Rathenau sich unter diesem Ziel vorstellt, bleibt im Wesentlichen hinter pathetischem Wortgeklingel („Wandlung zu hoher Menschlichkeit ist das erste Ziel“, S. 186) verborgen; allenfalls die „Verachtung käuflichen Glücks, albernen Schmucks und schnöden Müßiggangs“ ist als konkrete Forderung an die Frauen hier erkennbar. Von der nicht weniger stark bei Rathenau ausgeprägten Verachtung der ganz großen Mehrheit des Volkes, die der damalige AEG-Boss mit verächtlichen Charakterisierungen überschüttet, soll ein anderes Mal an dieser Stelle die Rede sein.
Updated: Thursday, 6 September 2007 9:30 PM BST
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